US-Energieaktien bleiben nach Kurssprüngen weiterhin „günstig“: Anhaltend hohe Ölpreise könnten zu einer Neubewertung führen
Der Energy Select Sector SPDR ETF, der die US-Energieaktien verfolgt, ist in diesem Jahr um über 43 % gestiegen und hat damit alle anderen S&P 500-Sektoren deutlich übertroffen. Dennoch bleibt der Energiesektor einer der am niedrigsten bewerteten Sektoren im S&P 500. Die hohen Ölpreise haben den Energieaktien überdurchschnittliche Gewinne beschert, auch wenn die Wall Street bisher davon ausgegangen ist, dass das Gewinnwachstum nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Sollte sich der Zeitraum hoher Ölpreise jedoch länger als erwartet halten, könnte die Neubewertung der Energieaktien gerade erst beginnen.
Energiesektoren erleben derzeit eine seltene Phase der Stärke seit Jahren, und ein erneuter Ölpreis in dreistelliger Höhe könnte diesen Trend weiter verlängern.
Seit 2026 ist der Energiesektor um mehr als 43% gestiegen, deutlich stärker als alle anderen S&P 500-Sektoren. Der State Street Energy Select Sector SPDR ETF, der US-Energieaktien abbildet, hat in den vergangenen Monaten die Entwicklung des Ölpreises klar übertroffen.
Am Mittwoch überschritt Brent-Rohöl die Marke von 100 Dollar pro Barrel, der höchste Stand seit Mai. An diesem Tag fiel der S&P 500 um 0,5%, doch der Energiesektor entwickelte sich gegen den Trend. Großkonzerne wie ExxonMobil und Chevron erhielten spürbaren Rückenwind.

Aus Bewertungs-Perspektive sind Energieaktien trotz des Kursanstiegs nicht teuer geworden.
Laut Bloomberg ist der Energiesektor weiterhin einer der Branchen mit der niedrigsten Bewertung im S&P 500. Auch wenn das Gewinnwachstum inzwischen wieder zu den stärksten Bereichen im Index zählt, gehen Analysten an der Wall Street nach wie vor davon aus, dass diese Gewinnphase nur temporär ist und gewähren den Energieaktien daher keinen Bewertungsaufschlag.
Doch mit anhaltend hohen Ölpreisen, sinkenden Lagerbeständen und eingeschränkter Reservekapazität beginnen Analysten, diese Einschätzung neu zu bewerten.
Ölpreis überschreitet 100 Dollar: Gewinnprognosen für Energieunternehmen könnten weiter nach oben korrigiert werden
Der Schlüssel zu dieser Entwicklung im Energiesektor liegt nicht nur im psychologischen Überschreiten der 100 Dollar bei Öl.
Der Durchbruch von Brent über 100 Dollar spiegelt Sorgen wider über andauernde Konflikte im Nahen Osten und mögliche Störungen im globalen Angebot. Mit sinkenden Vorräten und weniger Reservekapazität wird das Polster des Rohölmarkts für Angebotsschocks kleiner.
Für Energieunternehmen bedeuten anhaltend hohe Ölpreise höhere Margen im Upstream und mehr Cashflow. Noch wichtiger: Wenn die Phase hoher Ölpreise länger anhält als bislang erwartet, könnten die Analysten an der Wall Street ihre Gewinnprognosen für die nächsten Quartale weiter anheben.
Selbst wenn die Betriebsmarge der Energiebranche bis Ende 2027 auf etwa 15% zurückgeht, bleibt sie deutlich über dem Niveau von etwa 9% vor Ausbruch des Krieges im Iran.
Deshalb handelt der Markt aktuell nicht nur auf “kurzfristige Gewinne durch Ölpreisanstieg”, sondern auf die Aussicht, dass die Marge der Energieunternehmen nachhaltiger verbessert bleibt als bisher angenommen.
Energieaktien könnten im Umfeld hoher Ölpreise ein „sicherer Hafen“ sein
Ein weiterer Vorteil der Energieaktien liegt darin, dass ihre Entwicklung sich vom Gesamtmarkt deutlich unterscheidet.
Am 9. September, direkt nach dem Durchbruch von Brent über 100 Dollar, kamen die US Aktienmärkte unter Druck: Der S&P 500 sank um etwa 0,5%, der Nasdaq-Index um etwa 0,6%. Gleichzeitig legte der Energiesektor gegen den Trend zu, ExxonMobil, Chevron und andere große Energieunternehmen wurden gestützt.
Die Ursache: Hohe Ölpreise wirken sich auf Energieunternehmen und andere Branchen grundlegend unterschiedlich aus.
Für Energiegesellschaften bedeutet ein höherer Ölpreis Verbesserungen bei Umsatz und Gewinn; für die gesamte Wirtschaft dagegen erhöhen steigende Energiepreise die Kosten für Unternehmen und die Ausgaben der Konsumenten — und entfachen neuen Inflationsdruck.
Nachdem Brent 100 Dollar überschritten hat, stieg die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen zeitweise auf den höchsten Stand seit Oktober 2023. Der Markt beginnt, den Einfluss steigender Energiepreise auf Inflation und Geldpolitik neu zu bewerten.
So weisen Energieaktien eine gewisse relative defensive Eigenschaft auf: Falls ein Anstieg des Ölpreises letztlich die Inflation anheizt, die Anleiherenditen steigen lässt und den Gesamtmarkt drückt, könnten Energieunternehmen weiterhin vom hohen Ölpreis profitieren.
Entscheidend ist: Wie lange kann der hohe Ölpreis anhalten?
Natürlich stehen Energieaktien trotz ihrer starken Performance auch vor einer entscheidenden Frage: Ist der aktuelle hohe Ölpreis lediglich ein kurzfristiger geopolitischer Aufschlag oder eine neue, nachhaltige Angebotsstörung?
Beruhigt sich der Nahe Osten zügig und kehrt das globale Ölangebot zurück, werden die Ölpreise wieder fallen — und die Gewinnperspektiven der Energieunternehmen sinken erneut. Hält der Konflikt an, ist der Transport durch die Straße von Hormus stärker betroffen und sinken die Lagerbestände weiter, könnte die als „vorübergehend“ wahrgenommene Gewinnphase im Energiesektor deutlich länger dauern.
Für Energieaktien zählt daher nicht so sehr, ob Brent die 100-Dollar-Marke überschreitet, sondern ob dieser Preis gehalten werden kann und ob die Unternehmensgewinne entsprechend weiter nach oben angepasst werden.
Nach der selten starken Performance der Energieaktien in den vergangenen Jahren könnte der Aufwärtstrend im Sektor weitergehen, solange der Ölpreis hoch bleibt, die Margen stabil bleiben und die Bewertungen weiterhin nicht eindeutig steigen.
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