Die europäischen Aktien verzeichnen den größten Rückgang seit zwei Monaten! Ölpreise überschreiten die Marke von hundert und lösen Inflationswarnungen aus, der Markt wettet auf vier Zinserhöhungen der europäischen und britischen Zentralbank.
Der Stoxx Europe 600 Index schloss am Mittwoch mit einem Minus von 1,41 % und verzeichnete damit den größten Tagesverlust seit Juli. Während Brentöl erneut die 100-Dollar-Marke überschritt, wetteten Händler darauf, dass die Europäische Zentralbank und die Bank of England bis 2027 um jeweils etwa 90 Basispunkte anheben werden. Die Rendite zweijähriger deutscher Anleihen stieg am Mittwoch zeitweise auf 3,08 %, den höchsten Stand seit Juni 2024. Mehrere Analysten warnten jedoch, dass die aktuelle Zinserhöhung bereits überbewertet sein könnte. Zudem gebe es derzeit keine Beweise für eine weit verbreitete Inflation, und die Abwärtsrisiken für die Wirtschaft der Eurozone würden den Spielraum der Zentralbanken für Zinserhöhungen begrenzen.
Brent-Rohöl hat erstmals seit Juli die Marke von 100 Dollar pro Barrel überschritten, europäische Aktienmärkte mussten herbe Verluste verkraften, die Inflationserwartungen stiegen sprunghaft an und Händler erhöhten daraufhin ihre Wetten auf kräftige Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank und die Bank of England.
Der STOXX Europe 600 Index schloss am Mittwoch mit einem Minus von 1,41 % bei 640,4 Punkten und verzeichnete damit den größten Tagesverlust seit Juli. Der Eurozone Blue-Chip-Index STOXX 50 gab ebenfalls um 1,58 % nach und schloss bei 6.311,56 Punkten.

Die erneute Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran trieb die Ölpreise in die Höhe und verstärkte die Sorgen über eine anhaltende Inflation, wodurch die volatile Phase an den europäischen Aktienmärkten, die nach den Rekordhochs im August eingesetzt hatte, weiter verschärft wurde.
Die Reaktion an den Zinsmärkten fiel noch deutlicher aus. Swaps-Bewertungen zeigen, dass Händler nun erwarten, dass die Europäische Zentralbank und die Bank of England bis Ende 2027 jeweils etwa 90 Basispunkte erhöhen werden. Das entspricht drei Zinserhöhungen um 25 Basispunkte, mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 60 % für eine vierte zusätzliche Erhöhung bei beiden Instituten.
Die Rendite zweijähriger deutscher Bundesanleihen – das als besonders sensibler Indikator für geldpolitische Erwartungen gilt – stieg am Mittwoch zeitweise auf 3,08 % und erreichte damit den höchsten Stand seit Juni 2024.

Ölpreisanstieg über 100 Dollar löst neue Markterzählung aus
Die Eskalation im Konflikt zwischen den USA und dem Iran führte dazu, dass Brent-Rohöl erstmals seit Juli die Marke von 100 Dollar pro Barrel überschritt und wurde so zum unmittelbaren Auslöser der aktuellen Marktvolatilität.
Emilie Tetard, Stratege bei Natixis CIB, sagte: "100 Dollar pro Barrel scheinen eine entscheidende Schwelle zu sein, die die Markterzählung auslöst."
Europa und Großbritannien sind stark von Importen von Öl und Gas abhängig, was die dortigen Volkswirtschaften besonders anfällig für stark steigende Energiepreise macht.
Lauren van Biljon, Senior Portfolio Managerin bei Allspring Global Investments, erklärte: "Mit Ölpreisen über 100 Dollar sind Großbritannien und Europa tatsächlich weiterhin stark an Energiepreise gekoppelt." Sie ergänzte, der Übertragungseffekt der Energiepreise auf die Inflation in Kombination mit der unerwarteten Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft der Eurozone habe gemeinsam zu einer "aggressiven" Bewertung der Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank geführt.
Die Europäische Zentralbank wird voraussichtlich am Donnerstag im Rahmen einer Sitzung eine Zinserhöhung bekannt geben. Mitglied des Direktoriums Joachim Nagel hat bereits deutlich Signale für eine Zinserhöhung gegeben.
Aktienmärkte durchweg unter Druck – Baustoffe und Einzelhandel führen Verluste an
Der Rückgang betrifft nahezu alle Sektoren an den europäischen Aktienmärkten, zyklische Bereiche wie Bau und Baustoffe sowie Einzelhandel verzeichneten besonders starke Verluste.
Der STOXX 600 Index für Bau und Baustoffe fiel um 2,57 %, der Einzelhandelsindex um 2,56 %, der Index für persönliche und Haushaltswaren um 2,39 %, Industrieprodukte und Dienstleistungen um 2,34 %, Lebensmittel und Getränke um 2,12 %.
Der Druck auf den Einzelhandelssektor stammt teilweise von einzelnen Aktien – Fast-Fashion-Riese Inditex SA schloss mit einem Minus von 3,6 %, nachdem die Halbjahreszahlen die Erwartungen der Analysten nicht erfüllen konnten.
Unter den Blue Chips verloren Saint-Gobain aus Frankreich 3,9 %, Adyen 3,84 %, Rheinmetall aus Deutschland 3,75 %. Unter den größten Verlierern im STOXX 600 waren Auto1 Group (-6,47 %), Rightmove (-5,02 %) und Kering (-4,97 %).
Der Öl- und Gas-Sektor konnte dagegen gegen den Trend um 0,26 % zulegen. Eni aus Italien stieg um 1,91 %, TotalEnergies gewann 0,59 % und gehörte damit zu den wenigen Blue-Chip-Aktien mit Kursgewinnen.
Analysten: Zinserhöhungswetten könnten übertrieben sein
Trotz der stark gestiegenen Zinserwartungen warnen einige Analysten, dass die aktuellen Swaps-Bewertungen möglicherweise die tatsächlichen Absichten der Zentralbanken übertreffen.
Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, hat die Wahrscheinlichkeit einer raschen Zinserhöhung zuletzt selbst heruntergespielt. Emma Moriarty, Portfoliomanagerin bei CG Asset Management, meint: Im aktuellen Umfeld der schwachen britischen Wirtschaft sei das Szenario mit bis zu vier Zinserhöhungen zur Eindämmung der Inflation "wenig wahrscheinlich".
Auch van Biljon stimmt zu, dass die Wetten auf eine erneute Zinserhöhung durch die Bank of England derzeit "nicht vernünftig erscheinen".
Marktstrategin Evelyne Gomez-Liechti stellt fest, dass die Erwartungen einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank und die Bank of England "eher zu stark" gewichtet seien.
Strategen von Bank of America empfehlen ihren Kunden zudem, Eurozone-Kurzläufer zu kaufen, da die Bewertung einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank ihrer Ansicht nach überschätzt sei, und geben als Begründung an, dass derzeit überzeugende Hinweise auf eine breit gefächerte Inflation fehlen und die wirtschaftlichen Abwärtsrisiken in der Eurozone den Spielraum der Zentralbank für Zinserhöhungen einschränken werden.
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