Wall-Street-Veterananalyst David Woo: KI-Handel wird von der „Fear of Missing Out“ getrieben, Short-Positionen sind aktuell sehr schwierig
David Woo, ein erfahrener Analyst an der Wall Street, warnt davor, dass die Bewertungslogik von AI einen grundlegenden Mangel aufweist. Sollte die Erzählung zerbrechen, würde dies katastrophale Auswirkungen auf den US-Aktienmarkt haben.
Während der Finanzbericht von Nvidia zu einer neuen Überprüfung des AI-Booms auf dem Markt geführt hat, erklärte David Woo in einem Podcast, dass das Kernrisiko von AI-Investitionen nicht in der Leistung einzelner Quartale liege, sondern vielmehr in der zugrundeliegenden Annahme, auf der das gesamte Bewertungsmodell für AI basiert. Er ist der Meinung, dass von der Bewertungszielvorgabe von Anthropic in Höhe von zwei Billionen US-Dollar bis hin zu den aggressiven Kapitalausgaben der Tech-Giganten das gesamte Narrativ rund um AI zunehmend vom "Fear of Missing Out" statt von wirtschaftlicher Logik gesteuert wird.
Woo stellt klar, dass er bisher auf AI-bezogene Vermögenswerte gesetzt hat, nun aber eine Pause eingelegt hat und die Lage beobachtet, bis mehr Klarheit herrscht. Er betont, dass dies lediglich eine taktische Zurückhaltung sei und keine Änderung seiner Beurteilung. Er warnt, dass bei einem Zusammenbruch des AI-Narrativs eine "katastrophale" Wirkung auf den US-Aktienmarkt zu erwarten wäre – fast jeder, der im S&P 500 Index investiert ist, sei einem erheblichen impliziten Risiko ausgesetzt.

Das Winner-Takes-All-Prinzip befeuert überhöhte Bewertungen – Zweifel an der Logik
Woo richtet seine Kritik direkt auf das Bewertungsziel von etwa zwei Billionen US-Dollar für Anthropic und meint, dass diese Zahl auf der Annahme eines "Winner-Takes-All"-Ergebnisses beruht, die seiner Ansicht nach nicht tragfähig ist.
"Die Leute denken, oh, jetzt bekommen wir das nächste Google oder Apple," sagte er:
"Aber ich bin mir sehr sicher, egal wie gut Anthropic ist, es ist unmöglich, dass Anthropic die gleiche dominante Stellung wie Google im Suchbereich einnimmt."
Er führt weiter aus, dass AI im Kern für Kommodifizierung und Kannibalismus steht und nicht für den Aufbau von Schutzmechanismen. "Wenn du etwas schützen kannst, das von Natur aus eine Schutzmauer hat, ist das eine andere Sache. Aber ich sehe hier keine natürliche Schutzmauer. Was ich sehe, ist Kannibalismus, Kommodifizierung; jede Anstrengung zur Absicherung ist herausgeschmissenes Geld."
Seiner Ansicht nach wird selbst das einst uneinnehmbare Geschäft von Google Search unter dem Einfluss von AI zum "großen Verlierer" – nicht, weil Google schlecht sucht, sondern weil herkömmliche Suchtechnologien im Vergleich zu AI deutlich unterlegen sind.
Kapitalausgaben werden von Angst getrieben – Zweifel an der Bilanzierung
Woo hinterfragt die Natur der aktuellen AI-bezogenen Kapitalausgaben der Tech-Giganten und meint, dass die treibende Kraft nicht vorsichtige wirtschaftliche Kalkulationen, sondern "Fear of Missing Out" sei.
"Die komplette Kapitalkostenstory wird von Angst getrieben, von der Angst, zurückzubleiben – nicht von wirtschaftlichen Überlegungen," sagte er:
"Was Angst betrifft, weiß ich nur eines: Angst hat keine Logik, keine wirtschaftliche Logik und keine Begrenzung."
Als Beispiel nennt er Microsoft und äußert starke Zweifel am Bilanzierungsstil des Konzerns. Seinen Angaben zufolge gab es im letzten Quartal bei Microsoft keinen Abschreibungswert, weil das Unternehmen die Abschreibungsdauer einiger AI-Datacenter-Projekte von 15 auf 25 Jahre verlängerte. Woo hält das für völlig unvernünftig – 60 % der Datacenter-Kosten entfallen auf Chips, deren Lebensdauer maximal zwei bis drei Jahre beträgt, weshalb Abschreibungen zügig erfolgen müssten. "Das fühlt sich für mich komplett wie ein Bilanztrick an," sagte er.
Gewinnzahlen sind stark "aufgehübscht" – tatsächliches Wachstum deutlich geringer
Abgesehen von der Bilanzierung kritisiert Woo auch die Qualität der Gewinne der Tech-Konzerne in der aktuellen Berichtssaison und meint, dass hinter den glänzenden Zahlen viele einmalige Effekte stehen.
Er hat kalkuliert: Wenn die Neubewertung von Beteiligungen an Anthropic bei Amazon und Google herausgerechnet wird, sinkt das Gewinnwachstum der Tech-Giganten um etwa 30 %. Werden zusätzlich die positiven Auswirkungen von Zollentlastungen abgezogen, reduziert sich das Wachstum nochmals um 30 %. "Die Gewinnzahlen sind im Grunde für den Markt aufpoliert," meint er.
Short-Selling-Fenster versperrt – Risiken bleiben präsent
Obwohl Woo der Meinung ist, dass die Bewertung von AI einen grundlegenden Fehler aufweist, räumt er ein, dass ein Short auf diesen Sektor zurzeit extrem schwierig ist.
Er stellt fest, dass die Trump-Regierung in der Lage sei, die "Hype-Maschine" im Bedarfsfall zu starten und der Markt daran glaube. Zusätzlich seien Unternehmen wie Nvidia politisch und wirtschaftlich tief in das AI-Ökosystem eingebettet – beispielsweise habe Nvidia angeblich OpenAI Garantien im Wert von 125 Milliarden US-Dollar gegeben; SpaceX kündigte exklusive Kooperationen mit Nvidia für die Errichtung der nächsten Datacenter-Generation an, mit einem Gesamtvolumen von 250 Milliarden US-Dollar. "Wie soll man dagegen ankommen?" fragte er.
Er betont jedoch, dass sein aktuelles Abwarten rein taktisch ist und nicht die Short-Einschätzung aufgibt. Wenn das AI-Narrativ Risse bekommt, werden durch die große implizite Exposure fast aller S&P 500-Investoren auf AI-bezogene Vermögenswerte die Auswirkungen rasch auf den gesamten US-Aktienmarkt übergreifen. "Das wird eine Katastrophe," meinte er.
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