Die globale Geldpolitik steht an einem neuen Wendepunkt. Vor dem Hintergrund steigender Inflationsdruck, einer erneuten Eskalation der Lage im Nahen Osten und Ölpreisen von über 100 US-Dollar pro Barrel werden in derselben Woche die wichtigsten G7-Zentralbanken nacheinander ihre Zinsentscheidungen verkünden, wodurch das globale geldpolitische Gefüge möglicherweise neu gestaltet wird.
Die US-Notenbank macht am Mittwoch den Anfang. Gestützt durch die am vergangenen Freitag veröffentlichte über den Erwartungen liegende Kerninflationsdaten, steigen die Marktwetten auf eine Zinserhöhung unter der Führung von Fed-Chef Walsh sprunghaft – was möglicherweise direkt im Widerspruch zu den Präferenzen von Präsident Trump steht. Bloomberg-Ökonomen Anna Wong, Andrew Sacher und Eliza Winger erklären:
"Die Marktsignale sind unmissverständlich: Investoren hoffen und erwarten, dass das Federal Open Market Committee die Zinsen erhöht. Bleibt sie aus, verliert Walsh in den Augen der Marktteilnehmer an Glaubwürdigkeit."
In den zwei darauf folgenden Tagen treffen die Bank of England und die Bank of Japan ihre Entscheidungen. Von der Bank of Japan wird allgemein erwartet, dass sie am Freitag die Zinsen anhebt und der Leitzins auf 1,25% steigt – das höchste Niveau seit 1995. Die Europäische Zentralbank hat bereits am vergangenen Donnerstag als erste reagiert und zum zweiten Mal seit Ausbruch des Iran-Konflikts die Zinsen erhöht. Das Bild einer synchronisierten hawkischen Haltung der G7-Zentralbanken wird für Investoren zunehmend deutlicher.
Die aktuelle Fed-Entscheidung ist besonders im Fokus, ausgelöst durch die am vergangenen Freitag veröffentlichten, unerwartet hohen Kerninflationsdaten. Walsh äußerte letzten Monat, dass die Fed "arbeiten muss", wenn sie nicht "schnell genug sicher sein kann, dass die zugrunde liegende Inflation auf das Ziel zusteuert". Die neuen Daten bestätigen diese Unsicherheit.Investoren und Ökonomen gehen mittlerweile davon aus, dass eine Zinserhöhung praktisch sicher ist – die erste Anhebung des Leitzinses durch die US-Zentralbank seit drei Jahren.
Innerhalb der Fed hat sich die Unterstützung für eine Zinserhöhung bereits aufgebaut. Bei der Sitzung im Juli sprachen sich drei Offizielle gegen das Beibehalten des Zinssatzes aus und favorisierten eine Anhebung. Am Mittwoch wird die Fed zudem aktuelle Prognosen zu Wirtschaftswachstum, Inflation und Zinspfad veröffentlichen und damit weitere Perspektiven für die Märkte bieten.
Gleichzeitig ist der Wirtschaftskalender der USA diese Woche dicht gefüllt, darunter die im August erwartete Erholung der Einzelhandelsumsätze sowie Daten zu Baubeginnen und Industrieproduktion.
Die Bank of Japan wird diese Woche ein weiterer Fokus sein.Zahlreiche unterstützende Daten liefern die Grundlage für die Zinserhöhung, darunter der größte Lohnanstieg seit fast dreißig Jahren. Sollte die Zinserhöhung am Freitag wie geplant kommen, wäre dies die zweite in diesem Jahr und der Leitzins läge bei 1,25%.
Am selben Tag veröffentlicht die japanische Regierung die Verbraucherpreisindizes für August, erwartet wird ein Inflationsanstieg von 2% im Jahresvergleich. Analysten gehen davon aus, dass die Zinserhöhung dem zuletzt wiedererstarkten Yen weiteren Rückenwind verleihen könnte.
Die Entscheidung der Bank of England am Donnerstag wird aktuell nicht als Zinserhöhung erwartet, dennoch steht das Ergebnis unter genauer Beobachtung. Bei der Sitzung Ende Juli hatten bereits drei Offizielle klar für eine Zinserhöhung votiert; gleichzeitig bleibt der Inflationsdruck im Vereinigten Königreich bestehen – die Gesamtinflation im August wird voraussichtlich auf 3,1% steigen, das höchste Niveau seit fünf Monaten. Daher ist eine mögliche Zinserhöhung ab November nicht auszuschließen.
Die am Dienstag veröffentlichte Arbeitsmarktstatistik dürfte ein stabiles Lohnwachstum zeigen. Neben der eigentlichen Zinsentscheidung richtet sich das Augenmerk der Märkte auch auf die Jahresmeldung der Bank of England zum Tempo der Reduzierung ihrer Anleihebestände.
Die Europäische Zentralbank hat vergangenen Donnerstag eine wichtige Erhöhung im aktuellen Zinspuzzle vorgenommen. Dies war die zweite Straffung seit Ausbruch des Iran-Konflikts. Der Chefvolkswirt der ECB, Philip Lane, nimmt diese Woche an einer zweitägigen Forschungskonferenz teil, und Präsidentin Lagarde sowie ihre Kollegen werden sich in Dublin informell mit EU-Finanzministern treffen.
Die Bank of Canada hatte zwar zu Monatsbeginn den Zins unverändert belassen, betonte aber in ihrer Erklärung die Inflationsrisiken besonders. Das am Mittwoch veröffentlichte Protokoll der Sitzung dürfte die Neigung der geldpolitischen Waage weiter erhellen. Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Zollstreits mit den USA wird am Montag die kanadische Inflationsrate für August veröffentlicht, was neue Anhaltspunkte für die wirtschaftliche Entwicklung liefert.
Für China werden am 15. September wichtige Wirtschaftsdaten veröffentlicht, darunter Industrieproduktion über dem Schwellenwert, Einzelhandelsumsätze, nationale Investitionen in die Immobilienentwicklung und Immobilienpreise in 70 Städten. CICC Macro prognostiziert, dass die Einzelhandelsumsätze wieder ansteigen und das Wachstum der Industrieproduktion im Jahresvergleich bei etwa 4,6% liegen könnte.
Indiens Inflationsdaten für August werden am Montag publiziert. Der Markt beobachtet, ob sich der Preisdruck weiter ausbreitet, um den Zeitrahmen für eine Zinsanhebung durch die Reserve Bank of India zu bewerten.
In Lateinamerika wird die Zentralbank Brasiliens voraussichtlich am Mittwoch zum fünften Mal in Folge den Leitzins um 25 Basispunkte auf 13,75% senken. Dennoch dürfte die Kombination aus überhöhten Inflationswerten und hartnäckigen Inflationserwartungen eine weitergehende Lockerungspolitik erschweren.