Die Zinserhöhung der US-Notenbank am Donnerstag gilt fast als Konsens, warum weigert sich Standard Chartered, „aufzugeben“?
Standard Chartered ist der Ansicht, dass der Kerninflationsdruck möglicherweise überschätzt wird und Zinserhöhungen weiterhin die „falsche politische Entscheidung“ sind: Zölle treiben den PCE-Index um etwa 0,7 Prozentpunkte nach oben, aber der Einfluss dürfte nachlassen; der „Super Core“-CPI ist bereits in den normalen Bereich zurückgekehrt, und der Druck auf der Verbraucherseite ist begrenzt. Im Juli unterstützten nur drei stimmberechtigte Mitglieder eine Zinserhöhung, bislang reichen die aktuellen Daten nicht aus, um mehr Mitglieder zum Umdenken zu bewegen. Eine vernünftigere Vorgehensweise wäre, abzuwarten, bis die Auswirkungen der Zölle und die Datenrevisionen nachlassen, bevor man den Inflationstrend beurteilt.
Die September-Sitzung der US-Notenbank befindet sich im Countdown, der Markt wartet gespannt auf neue Richtungsimpulse der Geldpolitik.
Die am 14. September veröffentlichte Analyse von Standard Chartered geht klar davon aus, dass die US-Notenbank auf der FOMC-Sitzung vom 15. bis 16. September die Zinsen unverändert lässt (Zinsentscheidung wird am frühen Donnerstagmorgen unserer Zeit bekannt gegeben). Aus Sicht der Bank wäre eine Zinserhöhung derzeit "die falsche Politikentscheidung"; sinnvoller sei es, die Auswirkungen der Zölle und die neuen Revisionen der Daten erst abklingen zu lassen, bevor man beurteilt, ob Inflation einen Trend bildet.
Das Problem ist jedoch, dass die Märkte bereits ziemlich aggressiv darauf wetten. Die Zukunftspreise für Federal Funds zeigen aktuell eine Wahrscheinlichkeit von 88 % für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte im September an. Bleibt die Fed jedoch tatenlos, könnte es zu einer deutlichen Neukalibrierung am Zinsmarkt kommen und der US-Dollar kurzfristig unter Druck geraten. Im Umkehrschluss würde eine tatsächliche Zinserhöhung durch die Fed die Erwartungen für einen hawkish Kurs weiter stärken. Standard Chartered meint, dass die Glaubwürdigkeit von Waller in dieser Situation stabilisieren und den Dollar sowie die langlaufenden US-Staatsanleihen stützen könnte.
Der Fokus der Marktteilnehmer liegt daher nicht nur auf der Zinsentscheidung selbst, sondern vor allem darauf, wie die Fed den weiteren geldpolitischen Pfad kommuniziert – insbesondere ob Waller die Markt-Erwartungen neu verankern kann.
Inflationsdruck könnte überschätzt sein, Zoll-Schock flaut ab
Die Analyse sieht derzeit eine mögliche Überschätzung der Kerninflation. Die Zölle haben tatsächlich den Kern-PCE nach oben getrieben, doch Ausmaß und Dauer der Auswirkungen bleiben ungewiss. Auch umfassende Revisionen des BIP könnten die Einschätzung von Konjunktur und Inflation verändern. Solange sich die Daten nicht stabilisieren, besteht für die Fed keine Notwendigkeit zu schneller Zinserhöhung.
Der von der Bank verfolgte "Super-Core-CPI" ist zuletzt deutlich zurückgegangen und bewegt sich wieder im normalen Bereich der 2010er Jahre. Die Analyse sieht gegenwärtigen CPI-Druck vor allem durch Güterpreise beeinflusst, wobei Zölle ein entscheidender Faktor sind – das bedeutet aber nicht, dass innerhalb der US-Wirtschaft bereits ein dauerhafter Inflationsdruck entstanden ist.
Der "Chain-Core-CPI" und der Kern-PCE gingen lange Zeit Hand in Hand, doch zuletzt zeigen sich deutliche Abweichungen. Die Analyse hebt hervor, dass der Chain-CPI besser die tatsächlichen Konsumausgaben widerspiegelt, weshalb dessen jüngster Verlauf für die Politik relevant ist.
Darüber hinaus geht aus mehreren Analysen innerhalb der Fed hervor, dass die Zölle rund 0,7 Prozentpunkte zum PCE beitrugen. Da die Einnahmen aus Strafzöllen im vierten Quartal 2025 ihren Höhepunkt erreichen, könnte der Beitrag zur Inflation in den kommenden Monaten abnehmen. Anders formuliert: Momentan befinden wir uns im Fenster, in dem der Zoll-Schock auf die Inflation erstmals abzunehmen beginnt.
Aus Sicht des Risikomanagements bleibt das Zinserhöhungs-Option auch bei Abwarten bestehen. Bestätigen spätere Daten einen Wiederanstieg der Inflation, kann die Fed jederzeit einmalig um 50 Basispunkte erhöhen; im umgekehrten Fall, wenn früh zu schnell erhöht und dann zurückgerudert wird, könnte das die Glaubwürdigkeit der Politik beschädigen.

88 % Preisanstiegserwartung, Waller steht vor Risiko positiver Policy-Feedback
Obwohl Standard Chartered keinen Zinsschritt im September erwartet, hat sich der Markt deutlich zum Hawkish-Modus gedreht. Die Federal Funds Futures bewerten eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte im September mit 88 % Wahrscheinlichkeit und rechnen bis März kommenden Jahres mit insgesamt etwa 74 Basispunkten Erhöhung. Diese Erwartungssteigerung ist in hohem Maße durch Wallers Rede in Jackson Hole beflügelt worden.
Die Analyse stellt aber klar: Der Markt hat wahrscheinlich nur den hawkish-Teil von Wallers Rede wahrgenommen. Einerseits betonte Waller die Bedeutung einer Rückkehr der Inflation zum Ziel, andererseits hob er hervor, dass Politiker beurteilen müssen, ob Grundinflation tatsächlich steigt, sinkt oder stagniert – und sich dabei nicht allein auf eine einzelne Kennzahl stützen sollten.
Waller warnte zudem: Wenn der Markt zu stark auf Fed-Guidance setzt und umgekehrt die Fed sich auf Marktdaten verlässt, könnten politische Entscheider neue wirtschaftliche Entwicklungen übersehen, das Risiko für politische Fehlgriffe steigt.
Aus Sicht von Standard Chartered wird dieses Risiko gerade immer größer. Je höher die Zinserwartungen liegen, desto stärker wirken die Marktpreise als rückwirkende Einschränkung für die Politik; die Fed könnte zunehmend von Erwartungen getrieben werden – so entsteht ein Feedback-Kreislauf: "Markterwartungen treiben die Politik, die Politik verstärkt die Markterwartungen weiter."
Daher gilt: Wenn im September keine Zinserhöhung erfolgt, liegt der eigentlich spannende Aspekt darin, wie Waller mit den aufgeheizten Zinserwartungen umgeht: Er muss erklären, warum jetzt keine Erhöhung nötig ist, und zeigen, dass die Fed sich nicht von Markterwartungen leiten lässt.
Stimmstruktur spricht ebenfalls gegen Zinsschritt im September
Die Abstimmungsstruktur ist für Standard Chartered ebenfalls ein wichtiges Argument. Bei der FOMC-Sitzung im Juli befürworteten drei Mitglieder eine Zinserhöhung; um im September tatsächlich einen Zinsschritt durchzubringen, müssten mindestens vier ursprünglich neutrale Mitglieder die Seite wechseln – erst so entsteht die Sieben-Stimmen-Mehrheit.
Standard Chartered schätzt: Waller wird voraussichtlich vermeiden, sich in der Minderheit zu positionieren, aber nicht aktiv für eine Zinserhöhung eintreten. Wechseln vier Mitglieder den Kurs, schließt er sich dem Zinserhöhungslager an; wechseln drei, könnte er zur Vermeidung eines 6:6-Patt für höhere Zinsen stimmen; wechseln nur zwei, hätte er weiterhin Spielraum für eine neutrale Position.
Wichtig ist, ob die Datenlage seit Juli genügt, um mindestens drei "Zinsruhe"-Vertreter zu einem Kurswechsel zu bewegen. Standard Chartered sieht derzeit keine ausreichende Datenbasis hierfür.
Der eigentliche Test liegt bei der Waller-Pressekonferenz
Die Analyse erwartet, dass das FOMC-Statement keine großen Änderungen enthält. Im SEP dürfte die Dot-Plot-Grafik nicht merklich Hawkish werden; im Vergleich zu Juni wird sich möglicherweise nur der Spielraum für Zinssenkungen weiter verringern, die gewichtete durchschnittliche Zinsprognose könnte etwas steigen.
Bleibt die Fed tatsächlich tatenlos, steht Waller auf der Pressekonferenz unter großem Druck: Er muss erklären, warum jetzt keine Zinserhöhung nötig ist und wie die Fed mit den bereits stark ausgeprägten Erwartungshaltungen am Markt umgehen will.
Besonders wahrscheinlich wird der Markt die offene Frage stellen, ob bei der Oktober-Sitzung die Option für eine Zinserhöhung erhalten bleibt. Waller wird mit hoher Wahrscheinlichkeit betonen, dass "bei jeder Sitzung auf Basis der Daten entschieden wird", aber ohne klarere Trigger bleibt Skepsis gegenüber seiner Position bestehen.
Das bedeutet: Die Wirkung des September-FOMC hängt nicht nur von der Zinsentscheidung ab, sondern auch davon, ob Waller die Erwartungen nachhaltig lenken kann. Für Dollar und die langlaufenden US-Staatsanleihen wird der zentrale Faktor nach der Sitzung sein, wie der Markt die künftige Zinspfad neu bewertet.
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