Der Harvard-Ökonom Rogoff: Die USA benötigen einen „Krisenschock“, um das Schuldenproblem zu lösen.
Die US-Schuldenproblematik ist tief verwurzelt und die Politik hat bislang keine Maßnahmen ergriffen. Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff warnt, dass sich die Lage womöglich erst nach einem schweren Krisenschock grundlegend ändern wird.
Rogoff erklärte am Freitag in einem Interview: Die US-Staatsschulden überschritten letzte Woche die Marke von 40 Billionen US-Dollar. In Kombination mit dauerhaft steigenden Zinsen hat sich die Schuldenlage erheblich verschlechtert, doch Washingtons politische Reaktion bleibt deutlich zurück. Er sagte direkt: "Die Zinsen haben sich geändert, aber Washington nicht."
Rogoff betonte, dass geopolitische Konflikte, der Einfluss von künstlicher Intelligenz oder sogar Cyberkriege potenziell Auslöser für die nächste Krise sein könnten. In einem solchen Moment wäre der Handlungsspielraum der Federal Reserve und der US-Regierung sehr begrenzt.
Er warnte zudem, dass auch substanzielle Reformen bei Sozialversicherungen und anderen Sozialleistungen eine Krise als Katalysator benötigen. Bis dahin fehlt sowohl Wählern als auch Politikern der notwendige Antrieb zum Handeln.
Hintergrund der Schuldenkontrolle: Zinswende, doch Politik bleibt passiv
Rogoff führt die dauerhafte Entgleisung der US-Schulden auf einen "quasi-religiösen" Glauben in akademischen Kreisen zurück – die Annahme, dass Zinsen auf unbestimmte Zeit sinken würden. Genau diese Vorstellung habe jahrelang die ungebremste Schuldenaufnahme ermöglicht.
Als die Zinsen von ihrem Tiefpunkt zurückkehrten und weiter stiegen, passte die politische Führung ihre Strategien jedoch nicht entsprechend an.
Inzwischen liegen die Auktionszinsen für 30-jährige US-Staatsanleihen auf dem höchsten Stand seit 2001. Steigende Zinskosten führen zu einem potenziellen "Teufelskreis": Je größer der Schuldenberg, desto höher die Renditeforderungen der Investoren – und damit steigen die Kreditkosten weiter.
Rogoff sagte, dass die Bewegungen bei langfristigen Staatsanleihen bereits zeigen: Sollte eine Krise eintreten, wäre der verbleibende Handlungsspielraum der Federal Reserve und der Bundesregierung sehr klein.
Gleichzeitig herrscht in Washington politischer Konsens: Wähler wollen keine Steuererhöhungen und ebenso wenig einschneidende Ausgabenkürzungen. Dadurch ist der Weg zur Reduzierung des Haushaltsdefizits zunehmend versperrt.
Potenzielle Schocks: Geopolitische und technologische Risiken als Zünder
Rogoff listet verschiedene Szenarien auf, die innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Schuldenkrise auslösen könnten, darunter Cyberkriege oder disruptiver Einfluss von künstlicher Intelligenz. Solche Ereignisse könnten die Zinsen abrupt steigen lassen und den ohnehin fragilen Haushalt weiter belasten.
"Eine Krise kommt, wenn es beim Schock an Resilienz fehlt," sagte Rogoff. Er bezeichnete den Iran-Konflikt als "im Vergleich zu den potenziellen Ereignissen der nächsten fünf Jahre nur ein kleiner Schock" – und deutete an, dass die aktuelle fiskalische Fragilität größeren Krisen kaum etwas entgegenzusetzen habe.
Rogoff äußerte diese Einschätzungen, während er in Jackson Hole, Wyoming, am jährlichen Symposium für Wirtschaftspolitik der Kansas City Federal Reserve teilnahm. Zuvor war er Chefökonom beim Internationalen Währungsfonds.
Sozialversicherungsreform: Wählerapathie hemmt politisches Handeln
Auch in Bezug auf eine Reform der Sozialversicherung zeigt sich Rogoff pessimistisch. Solche substantiellen Anpassungen benötigen ebenfalls einen Krisenauslöser, weil die Dringlichkeit des Problems bislang noch nicht im Bewusstsein der Wähler angekommen ist.
Er zitiert eine Prognose aus seinem neuen Buch "Our Dollar, Your Problem", wonach die derzeitige Lage "in irgendeiner Form in einer Krise enden wird" und erst dann politisch realisierbare Reformen möglich würden. Rogoff merkte ironisch an, dass jeder Kandidat, der 2028 mit der Reform der sozialen Sicherung als Wahlprogramm antrete, feststellen werde: "Die Blicke der Wähler wandern sofort ab."
Diese Einschätzung zeichnet ein warnendes Bild für Investoren: Bis ein wirklicher Katalysator für Reformen auftaucht, bleibt eine grundlegende Wende im US-Finanzkurs wahrscheinlich auf lange Sicht aus – und der Preis dafür könnte deutlich höher sein als proaktive Anpassungen heute.
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